Buchtitel ‘Eaddren, Schildmaid Rohans’

Kapitel 4 – Die Sippeneinführung

Die Nachricht über die Aufnahme der jungen Waffenmeisterin breitete sich bei den Mitgliedern der Sippe wie ein Lauffeuer aus und schon bald wurde der Ruf nach einem sogenannten Sippenei laut. Zwar konnte Eaddren mit diesem Brauchtum der Lau Tyerme nichts anfangen, doch fügte sie sich ihrem Schicksal und wartete geduldig auf den großen Tag ihrer Einführung in die Sippe. Selbst ihr langjähriger Freund Gilax brach sein Schweigen nicht, wenn sie ihn über dieses Ereignis und was da geschehen sollte ausfragen wollte.

So verging eine ganze Woche in welcher die junge Frau auf Nadeln saß und sich den Tag mit Waffentraining und Erkundungen vertrieb. Als sie eines Tages durch Bree schlenderte, die warme Sommersonne genoss und dem regen Treiben in der Stadt zusah bemerkte sie am Marktplatz von Bree eine laute Auseinandersetzung zweier Männer und blieb neugierig stehen. Der Rüstungshändler stritt mit einem Mann, gekleidet in einer einfacher Lederrüstung, die Kapuze des Umhangs tief ins Gesicht gezogen und mit einem Langschwert an der Hüfte hängend bewaffnet. Doch die Rüstung, als auch die Waffe haben schon bessere Zeiten gesehen, da sie sichtlich durch die Witterung und lange Verwendung abgenutzt, verkerbt und zerschlissen waren. Dieser Mann hatte einen Brustpanzer in seiner Hand, welcher wohl unter den selben Umständen litt, wie auch die restliche Rüstung und hatte einen tiefen Sprung in der Mitte. Immer wieder winkte der Rüstungshändler mit grimmigen und abwertenden Blick ab und protestierte gegen die anscheinende Torheit des Landstreichers.

«Dieses etwas, welches ihr in Händen hält ist einfach nicht mehr zu retten. Was wollt ihr daran noch reparieren?»

«Was heißt hier nicht mehr zu retten. Das ist eine alte Rüstung, ja, aber bis auf den Sprung noch in Ordnung. Ihr bekommt von mir das nötige Kleingeld und sollt sie reparieren. Warum wehrt ihr euch gegen Kundschaft?»

Eaddren lauschte der Unterhaltung und kann sich ein verschmitztes Grinsen nicht verkneifen. Die Rüstung war tatsächlich in einem sehr bemitleidenswertem Zustand und einen Schmied zu finden, welcher das Risiko eingeht bei der Reparatur womöglich noch mehr zu zerstören wird den Landstreicher noch länger beschäftigen. Mit einem kurzen wehmütigen Anflug dachte sie an ihren Bruder Eoddren, er hätte diese Herausforderung sicherlich gerne angenommen, verstand er sich doch auf das Schmieden von Rüstungen. Doch nach wie vor gab es kein Zeichen und keine Spur von ihm. Sie schallte sich einen Narren ihre Zeit mit solch Kleinigkeiten zu vergeuden und dabei die Suche von Eoddren, sowie ihre Ausbildung zu vernachlässigen.

«Heyda Eaddren» schallte es über den Marktplatz und riss die junge Waffenmeisterin aus ihren Gedanken. Blitzartig drehte sie sich herum auf der Suche nach der rauen Stimme, welche sie gerade gerufen hatte. Es war Woin Rotaxt, ein stämmiger Zwerg und Sippenführer der Lau Tyerme An I Beleth, welcher ihr zuwinkte und in ihre Richtung gestapft kam. Er wirkte grob, unbehauen und war doch ein herzensguter Zwerg. Als die Hobbitdame Pinpin und ihr Freund Gilax sie in die Sippenhalle mitnahmen um von ihrem Wunsch beizutreten berichteten, musterte Woin sie damals von Kopf bis Fuß, hörte ihrer Geschichte zu und bekräftigte seine Zustimmung mit einem Grummeln. Als er von Eaddrens Potenzial als Waffenmeisterin von Gilax hörte, stellte Woin — seines Zeichens selbst erfahrener Waffenmeister — eine Bedingung an sie. Sie wäre in der Sippe gerne herzlich willkommen und sie freuten sich über jeglichen Zuwachs und Verstärkung gegen die Schatten in Angmar, jedoch sollte sie ihre Ausbildung fortsetzen und zwar unter den Augen von Woin als ihren Lehrmeister.

Angekommen begrüßte er sie mit einem kurzen Nicken und musterte sie erneut von Kopf bis Fuß. «Eaddren, komm du musst dich vorbereiten. Heute Abend ist es soweit und dein Sippenei steht bevor. Ich möchte….» je wurde Woin von einem lauten Klirren von Metall auf Metall unterbrochen und der gesamte Marktplatz richtete seine Augen auf den Marktstand des Rüstungshändlers, auch Eaddren und Woin. Der Landstreicher, welcher zuvor bereits von Eaddren beobachtet wurde, hatte nun das Schwert gezogen gehabt und richtete es auf den Schmied. Neben ihm die Rüstung am Boden liegend und weitere Rüstungsteile des Schmiedes waren am Boden verstreut. Der Zwerg musterte den Mann und sekündlich schlich sich ein immer breiteres Grinsen in sein Gesicht, als er scheinbar erkannte um wen es sich handelt.

Immer noch mit einem Lächeln im Gesicht, ging er auf den Marktstand zu und legte behutsam seine Hand auf den angespannten Unterarm des Landstreichers.

«Morserek, alter Freund. Es ist schön euch zu sehen, wenn auch unter kuriosen Umständen. Was regt euch denn so auf?»

Erschrocken wendet er sich dem Zwerg zu und schlagartig entspannten sich seine Züge und Muskeln, als er seinen alten Zwergenfreund Woin entdeckt. Eaddren, etwas verwundert folgte dem Zwerg und blieb ein Stück hinter ihm stehen, als Morserek ihm seine Geschichte erzählte. Mit einem Kopfschütteln und breitem Grinsen betrachtet der Zwerg die Rüstung und entschuldigte sich beim Schmied.

«Komm, ich werde mir das gute Stück einmal ansehen. Ach, kennt ihr schon den jüngsten Zuwachs der Sippe? Das hier ist Eaddren Rotfuchs, eine angehende Waffenmeisterin, wie ihr es seid.» Dabei deutet er auf sie, ehe er sich zu ihr umdrehte. «Eaddren, dass hier ist Morserek. Ebenfalls ein Waffenmeister und Sippenbruder, welcher es jedoch momentan vorzieht sein Leben im Alten Wald zu verbringen.» Anerkennend blickt sie dem Krieger in die Augen und nickte mit einem schüchternen Lächeln, welches von ihm auf ähnliche Art und Weise erwidert wurde.

Die drei schlugen ihren Weg in die Richtung der Handwerkshalle am Marktplatz von Bree ein um die Rüstung von Morserek zu reparieren. Mit interessiertem Blick musterte die junge Waffenmeisterin den neuen Freund verstohlen aus den Augenwinkeln und wurde das eine oder andere Mal mit einem freundlichen Lächeln belohnt. Woin setzte sich als bald mit seiner Rüstung auseinander und leistete eine wunderbare Arbeit, die jedoch auch seine Zeit in Anspruch nahm. Währenddessen saßen die zwei Waffenmeister beim Keilerbrunnen auf dem Marktplatz und warteten bis ihr Sippenleiter wieder zu ihnen stoßen würde.

Morserek hatte sein Schwert auf seinem Schoß liegen und schliff mit einem kleinen nassen Wetzstein über die Klinge und beobachtete die vorbeiziehenden Leute.

«Ihr seid also neu in der Lau Tyerme? Wann seit ihr der Gemeinschaft beigetreten? Leider kommen solche Neuigkeiten nur sehr spärlich zu mir in den Wald.»

Eaddren nickte still vor sich hin und nestelte etwas schüchtern an ihrem Wams umher, ehe ihr einfiel, dass Morserek ihre Bewegung nicht sehen konnte.

Leise und zögerlich nur folgte eine Antwort.

«Ja.. ich wurde erst letzte Woche von Woin in der Lau Tyerme als Novizin aufgenommen.»

Über seine linke Schulter hinweg beobachtete der Waffenmeister die junge Frau, beim Antworten und ein dünnes Lächeln umspielte seine Lippen.

«Na dann werde ich wohl gleich hier in Bree bleiben und mir noch etwas besseres zum Anziehen besorgen müssen.»

Erstaunt blickt sie auf und Morserek geradewegs in die klaren und doch geheimnisvollen Augen, ehe sie blitzartig ihren Blick wieder senkte und spürte wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

«Das Sippenei…. irgendetwas sagt mir, dass ich davor Ehrfurcht haben sollte. Andererseits nehmen es Woin und die anderen sehr auf die leichte Schulter.»

Plötzlich begann der Krieger lauthals zu lachen und lehnte sein Schwert neben sich an den Brunnen und dreht sich zu Eaddren.

«Also Ehrfurcht… die solltet ihr haben. Immerhin ist dies eure Einführung in die Sippe als vollwertiges Mitglied. Aber keine Angst, es wird nichts schlimmes von euch hierbei verlangt. Ihr seht mir aus, als könntet ihr wesentlich schlimmere Aufgaben bewältigen.»

Erneut versuchte sie seinen Blick stand zu halten und versuchte das aufsteigende Gefühl in ihr nieder zu drängen und nickte langsam bei seinen Worten. Die zwei verbrachten noch die restlichen Stunden bis zum Sonnenuntergang am Brunnen und sprachen über kommende Aufgaben, vergangenen Taten und ihre Herkunft, ehe Woin wieder aus der Handwerkshalle heraus kam mit Morsereks spiegelnder Rüstung.

Mit leuchtenden Augen konnte Morserek das Kunststück bewundern und sogleich anprobieren; es passte wie angegossen. Woin schattete seine Augen ab und blickte in den Himmel der niedergehenden Sonne entgegen, mit einem Stirnrunzeln und leisem Fluchen.

«Es ist schon viel zu spät. Komm Eaddren, wir müssen dir noch einiges eintrichtern ehe das Sippenei los geht. Es kann nicht sein, dass ausgerechnet das Mädchen, welches der Sippenführer in seine Obhut nimmt nichts über die Geschichte der Lau Tyerme weiß.» Er warf Morserek einen vielsagenden Blick zu und alle drei machten sich sofort los in Richtung Breelandsiedlung. Während dem Marsch erzählten Woin und Morserek ihr abwechselnd über die Entstehung der Sippe, ihrem einstigen Sippenführer und Gründer, seinen Töchtern und den bestandenen Abenteuern. Schnell dröhnte Eaddren der Kopf und sie musste sich anstrengen auch nur die Hälfte davon zu behalten und auch wieder richtig wieder zu geben.

Kurze Zeit später waren sie auch schon in der Breelandsiedlung Hochtor, gingen durch den mächtigen Eingangsbogen hindurch und folgten der Straße immer gerade aus bis zum Sippenhaus. Eaddrens Aufregung stieg von Schritt zu Schritt und die Zeit verging ihr viel zu schnell um all das Gehörte auch wirklich verinnerlichen zu können. Doch es half nichts, sie musste sich an die wichtigsten Eckdaten erinnern und durfte ihrem Mentor keine Schande bringen.

Im Sippenhaus der Lau Tyerme An I Beleth tummelten sich schon einige der Mitglieder und der eine oder andere Gast fand ebenfalls seinen Weg. Auch Gilax ihren alten Freund, und Pinpinpula die Hobbitdame konnte sie unter den Gesichtern erkennen und war regelrecht entmutigt über die Anzahl derer, die vielleicht ihre Niederlage beobachteten. Der stämmige Zwerg, Woin, begrüßte die Gäste und stellte einigen von ihnen bereits Eaddren vor, welche sogleich die rituelle Begrüssung der Sippe zur Schau stellen konnte. Auf ihrem Weg durchs Sippenhaus deutete er der Waffenmeisterin sich zum Rest zu gesellen und er stieg auf das Podest um die Anwesenden überblicken und übertönen zu können.

«Wehrte Freunde, Mitstreiter und Anwärter. Ich möchte euch zum heutigen Sippentreffen herzlich willkommen heißen. Wir sind hier, weil wir neben dem erfreulichen Treffen, auch die Verpflichtung haben neue Sippenmitglieder in unserer Runde willkommen zu heißen und einzuführen. Ich würde euch bitten wie immer einen Kreis zu bilden und die Anwärter sich in dessen Mitte zu stellen.»

Langsam, mit mulmigen Gefühl, schritt Eaddren mitsamt einigen anderen Anwärtern in die Mitte des Kreises und blickte sich mit sorgenvoller Miene um. Dies also sollte ihre Stunde sein, in der sie sich beweisen konnte. Plötzlich riss sie Woins Stimme wieder in die Gegenwart und er stellte den Anwesenden die erste Prüfungsfrage zur Aufnahme.

«Anwärter der Lau Tyerme, ich werde euch nun die erste Prüfungsfrage stellen. Wann und wer gründete die Sippe der Lau Tyerme An I Beleth?»

Schweigen lag über dem Raum und zaghaft antwortete der erste Anwärter, zwar mit einer richtigen Zeit, jedoch der falschen Person. Auch der zweite Anwärter war sich nun nicht mehr sicher und winkte mit zu Boden gesenktem Blick ab. Dann war Eaddren an der Reihe, welche die Frage zwar glaubte zu wissen, sich aber auch nicht sicher war. Trotz aller Ängste stammelte sie erneut die richtige Jahreszahl als auch den Namen des Gründers heraus und wurde mit einem anerkennenden Nicken von Woin gelobt.

Die nächste Frage wurde gestellt, diesesmal jedoch konnten die Beiden Anwärter vor Eaddren diese schon beantworten und ihr blieb nur noch ein Zustimmen über. Doch auch dieses wurde respektiert. Schön langsam glitt die Anspannung von ihr ab und ihre krampfhafte Haltung wurde immer ruhiger und gelassener, wodurch auch ihre Angst vor den Fragen ein wenig verblasste und sie immer bewusster antwortete. Es kam ihr vor als würden ihnen stundenlang Fragen gestellt, bis alle Offiziere der Lau Tyerme ihren Anteil zugebracht haben, jedoch war es nicht einmal eine. Dann endlich, herrschte Stille im Saal. Alle Anwesenden konnten die Anwärter auf die Probe stellen und im Endeffekt haben sich alle drei ganz gut geschlagen und bewiesen, dass sie sich mit der Geschichte der Sippe, sowie auch den Personen beschäftigt haben.

«Anwärter…. es ist mir eine Ehre euch als vollwertige Mitglieder der Lau Tyerme An I Beleth begrüßen zu dürfen. Nehmt diesen Waffenrock, in den Farben unserer Sippe, als Zeichen und tragt ihn Ehre, Stolz und Freude. Mögen eure Heldentaten wachsen und auch von ihnen eines Tages so ehrfürchtig gesprochen werden, » waren Woins Worte als er die Waffenröcke entgegen nahm und langsam auf die Anwärter zuschritt. Er war sichtlich stolz auf seinen Schützling, würde er ihr das auch nie zugestehen.

Eaddren nahm ihren schwarzen Waffenrock entgegen und streifte ihm über mit glänzenden Augen und fühlte sich gerade in diesem Moment unbesiegbar in solch einer Gemeinschaft. Sie hatte wieder eine Familie und eines Tages sollte sie auch Eoddren wieder in die Arme schließen können, so hoffte sie. Bis spät in die Morgenstunden wurde gefeiert, gelacht und getanzt und die neuen Mitglieder in die nicht so offiziellen Geschichten und Ereignisse eingeweiht.