Benommen und schmerzerfüllt drückt sich Eaddren erneut den nassen Stoffetzen an ihre Schläfe und wusch sich dabei das restliche verklebte Blut aus dem Gesicht. Langsam öffnete sie ihre Augen und erkannte vor ihr verschwommen eine rundes freundliches Gesicht und zwei kleine Hände, welche flink ihr Bein entlang fuhren und den Verband wechselten an ihrer Hüfte.
„Armes großes Ding. Dich hat’s ganz schon erwischt,“ erklang die Stimme des Gesichtes und jetzt erst erkannte sie, daß vor ihr eine Hobbitdame saß und sich um ihre Wunden kümmerte. Die Rohirrim war gebettet auf einen Strohsack in einer kleinen Scheune, welcher jedoch ein Großteil des Daches scheinbar durch einen Brand fehlte. Die restlichen Dachbalken und Stützen dampften noch und verströmten eine heiße, aber vom Löschwasser feuchte Schwüle, welche einem sofort die Schweißperlen auf die Stirn trieb.
“Wo… wo bin ich und was ist passiert?” stammelte Eaddren vor sich hin während sie weiterhin ihre Umgebung und die freundliche Hobbitdame begutachtete.
“Rotfuchs… ihr seid jetzt in Sicherheit und ich hoffe, dass ist das letzte Mal für eine lange Zeit wo ich euch den Hintern rette” erklang es aus dem Türrahmen. Dort angelehnt stand der Waffenmeisterlehrer, lässig an die Schulter gestützt, die Arme vorm Brustkorb gekreuzt und ein langes Stück Stroh im Mund, grinste er sie an. Die bekannte Stimme ließ Eaddren zur Türe sehen und zauberte ebenfalls ein zaghaftes, aber schmerzhaftes Lächeln in ihr Gesicht und sie lehnte sich wieder entspannter in den Strohsack, wo sie kurz darauf auch ihrer Erschöpfung erlag und einschlief.
Einige Stunden später wachte sie wieder auf und erkannte erneut das freundliche Hobbitgesicht vor sich. Die kleine Dame saß entspannt neben Eaddren und zerstoß sorgfältig Kräuter in einem tonernen Mörser. Eaddren setzte sich auf und bedankte sich herzlich für die Fürsorge, während ihr Gegenüber freundlich abwinkte und sich als Celandine Brandybock vorstellte. Jetzt erst bemerkte sie, dass zu ihrer Linken noch jemand saß, die kurzen Füße in dicken schweren Stiefel überkreuzt am Ende ihres Strohsackes gebettet auf einen Sessel sitzend und eine Pfeife rauchend. Es handelte sich um einen stämmigen Zwerg mit rotbraunen Haaren, sowie für einen Zwerg untypischen kurzen Bart mit geflochtenen Zöpfen.
“Guten Morgen Rotfuchs… Schön zu sehen, dass es dir anscheinend wieder besser geht und wie ich sehe hast du auch schon deine Krankenschwester Celandine kennen gelernt.” Er hatte eine beruhigende tiefe Stimme, vermutlich vom Rauchen und zog nach der Begrüssung wieder genüsslich an seiner Pfeife.
“Diese Stimme…… ich habe sie zwar jetzt schon lange nicht mehr gehört… aber ich kenne sie. Ich kenne sie nur zu gut…,” mit einem breitem Lächeln drehte sich Eaddren zu dem Zwerg und erblickt Gilax Grauhammer, einen langjährigen Freund der Familie und der Zwillinge. Zwar erfuhr sie von ihren Eltern nie, wo und wann und wie sie Gilax kennen gelernt haben, doch das störte sie nicht weiter. Immerhin wuchs zwischen dem Geschwisterpaar und dem Zwerg eine innige und lange Freundschaft.
“Gilax.. was tut ihr denn hier?”
Trotz ihrer Schmerzen umarmte sie ihren Freund und drückte ihm einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange. Eaddren war froh nach so langer Zeit endlich wieder ein bekanntes Gesicht zu sehen und all die bisherigen Erlebnisse erzählen zu können. Doch bevor es dazu kam, wusste sie immer noch nicht wie sie überhaupt hierher kam und wo sie ist. Doch vielleicht der Zwerg Antworten auf ihre Fragen und in der Tat, er konnte ihr helfen.
So erzählte er ihr von ihrer Befreiung aus den Händen der Schwarzwolds, welche sie in einem Lager gefangen hielten, in welchem sie auf Amdir, einen Dunedain, traf und mit seiner Hilfe entkam. Doch während sie und Amdir aus dem Lager entflohen und in das Dorf Archet flohen, trafen zeitgleich ebenfalls die Schwarzwolds ein und zerstörten Archet bis auf die Grundmauern. Sie schienen etwas zu suchen, doch niemand konnte sagen was es war, nur Amdir schien es zu wissen, doch dieser war verschwunden seit dem Angriff. In mitten des Dramas kämpfte auch Eaddren um ihr Leben und erschlug einige Schwarzwolds, erlitt jedoch auch einige weitere kleine Blessuren. Als die Räuber Eaddren in ihr Lager brachten, folgte der Waffenmeisterlehrer ihren Spuren und geriet ebenfalls in dem verschlafenen Dörfchen in den Hinterhalt und entdeckte sie in einem Kampf mit zweien, aus welchem sie siegreich hervor ging. Mit einem zufriedenem Lächeln und anerkennenden Nicken widmete er sich wieder seiner Bedrohung zu und überließ sie ihrem nächsten Angreifer. Als Eaddren aus der Ferne einen Schrei und ein furchteinflössendes Lachen zu hören war, rannte sie auf den Hauptplatz und entdeckte einen Mann in roter Robe, mit dem Namen Eogan und vor ihm liegend Amdir. Voller Wut sprang ihm die junge Frau entgegen und ein erbitterter Kampf entfachte zwischen den Beiden. Doch der erfahrene Kämpfer in der Robe konnte sie sehr leicht in Schacht halten und drängte sie immer weiter zurück, bis ihre Lage aussichtslos erschien. Mit einem letzten Ruck schlug Eaddren kräftig auf ihn ein, sodass dieser zwei Schritte zurück treten musste und somit den Weg und die Sicht frei gab. Dicht neben Eaddrens Kopf kam eine Axt geflogen und landete mit einem dumpfen Knall inmitten der Brust des Angreifers. Eogan sah mit aufgerissenen Augen an sich herab, sah die in ihm steckende Axt und ließ sein Schwert kraftlos fallen. Noch bevor dieser nach vorne über kippte, sah er abermals mit einem vielsagenden Grinsen in Eaddrens Gesicht, legte seine Hand auf die Schulter und zwang sie mit ihm auf die Knie zu gehen. Blut spuckend und gurgelnd zischte er ihr noch ins Ohr: “Es ist zu spät junge Kämpferin. Wir haben den Dunedain.” Dann sackte er vornüber neben Eaddren zusammen und starb. Sie sah sich suchend nach dem Schützen um und erkannte eine kleine schwarze Silouette am Dach des nebenliegenden Gebäudes, mehr konnte sie auch nicht erkennen, da hinter ihm die Strahlen der Sonne sie blendete. Übelkeit überkam sie und eine Welle großen Schmerzes ließen sie dann endgültig ohnmächtig werden.
Fasziniert und erleichtert lauschte sie der Geschichte des Zwerges und nickte bei bekannten Stellen oder ergänzte die Erzählung.
Liebevoll legte ihr der Zwerg eine Hand auf die Schulter und drückte sie wieder sanft in den Strohsack, “und nun Rotfuchs, schlaft ein wenig. Du hast viel durchgemacht in den letzten Tagen. Es wird an der Zeit, dass du gesund wirst und wir mit deiner echten Waffenmeister Ausbildung beginnen können.” Lächelnd nickte sie und schlief kurz darauf wieder ein.
Es vergingen einige Tage bis die Rohirrim sich wieder soweit besser fühlte und ihre Wunden anfingen gut zu verheilen. Ihre Hüfte machte ihr nach wie vor am meisten zu schaffen, doch sie zwang sich dazu mit Gilax spazieren zu gehen in und um Archet und erledigte zum Dank kleinere Botengänge für die Anwohner. Ihr Zwergenfreund führte sie auch zum hiesigen Waffenmeisterlehrer und so begann sie mit ihrer Ausbildung als Waffenmeister und lernte schnell. Zwar dauerten ihre ersten Übungseinheiten nie lange, da sie sich noch schonen und auskurieren musste, doch begriff sie recht rasch die Kniffe und Tricks und den richtigen Umgang mit den Schwertern. Sie legte ihr altes, aber gut gedientes zweihändiges Schwert ab und ersetzte es durch zwei kleinere, handlichere aber schnellere Schwerter und übte den Klingentanz. Immer wenn Gilax und sie spazieren gingen erzählte er ihr über seine Gemeinschaft, die Lau Tyerme An I Beleth und den Sinn und die Ziele der Sippe. Eaddren hingegen erzählte ihm von ihrem Bruder, seinem Verschwinden und den Drang ihn zu suchen, wie auch ihre bisherigen Abenteuer.
“Weißt du Gilax….. ich war eigentlich nie ein großer Freund des Kampfes und der Waffen. Ich hatte Eoddren geschellt als er sich den Reitern anschloss und nie verstanden was ihn dazu trieb eine Waffe in die Hand zu nehmen und täglich sein Leben aufs Spiel zu setzen. Als wir dann nichts mehr von ihm hörten und ich für ihn die Botengänge nach Edoras übernahm, sah ich die Gesichter der restlichen Krieger. Ich hörte die Schandtaten der Orks, wie sie Dörfer niederrannten und verbrannten. Frauen und Kinder mordeten, während ihre Männer in der Mark unterwegs waren und andere Orks zur Strecke brachten. Und ich malte mir täglich intensiver und schauriger aus, was mit Eoddren passiert sein könnte..”
Gilax nickte und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter, während die beiden am Schutzwall vor Archet angelehnt saßen und über die Wiesen schauten.
“Rotfuchs… ihm wird nichts geschehen sein. Er ist ein standhafter Kerl für einen Menschen und er lernte das Kämpfen schnell, wurde mir berichtet. In euch fließt kein Blut der Pferdezüchter. Ihr beide seid zu höherem berufen, ihr solltet nicht in Aldburg versauern und eure Pferde beim Großwerden zusehen. Es war richtig was du gemacht hast. Immerhin haben wir uns dadurch wieder gesehen, nach solanger Zeit. Und nun kommt… lassen wir uns ein gutes Mahl zubereiten, die Sonne geht schon unter.”
Mit einem Nicken und mit Hilfe des Zwergs, stand die junge Kriegerin auf und sie gingen auf ein Abendessen ins Gasthaus. Doch dieser Satz des Zwerges machte Eaddren nachdenklich und sie grübelte noch lange Zeit über deren Sinn und ihrer anscheinenden Berufung nach.